Digitalisierung

Mehr Mut zu Flexibilität

Die Digitalisierung führt auch in Deutschland zu tief greifenden Veränderungen. Zur Sicherung von Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung braucht es Veränderungsbereitschaft und vor allem Flexibilität.

Flexibilität ist keine Bedrohung, sondern kann für Arbeitgeber und Beschäftigte ein enormer Gewinn sein. Flexibel zu arbeiten bedeutet keine Erhöhung der Arbeitszeit. Vielmehr ermöglicht es, persönliche Umstände und Vorlieben stärker zu berücksichtigen, und hilft beispielsweise, Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren. Dafür braucht es einen modernen gesetzlichen Arbeitszeitrahmen, der sich nicht nur am Industriearbeiter des 20. Jahrhunderts orientiert.

Tarifverträge können modernes Arbeiten unterstützen

Bereits heute sind Arbeitszeitkulturen fest in Betrieben etabliert. Die Möglichkeiten zur Ausgestaltung der Arbeitszeit sind vielfältig und werden dort, wo es dem Betrieb möglich ist, gelebt. So wird in vielen Branchen mit Instrumenten wie Arbeitszeitkonten und lebensphasenorientierter Arbeitszeitgestaltung eine flexible Arbeitszeitverteilung ermöglicht. Dies macht eine Reform des Arbeitszeitgesetzes aber nicht obsolet.

Arbeitsflexibilität ist einer der bestimmenden Faktoren für die Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit der Wirtschaft. Dafür sind Arbeitszeitkonten ein unverzichtbarer Baustein. Mit ihrer Hilfe kann das Arbeitszeitvolumen schnell und unbürokratisch an die betrieblichen Bedürfnisse angepasst werden. Kommt es zu unvorhergesehenen wirtschaftlichen Einbrüchen, helfen Arbeitszeitkonten, Beschäftigung zu erhalten, da statt einer Personalanpassung Arbeitszeitguthaben eingesetzt werden können. Arbeitszeitkonten bieten zudem den Beschäftigten die Möglichkeit, betriebliche und persönliche Bedürfnisse in Einklang zu bringen.

Verbreitung von Arbeitszeitkonten nach Betriebsgröße 1999 bis 2016

Anteil der Betriebe, in %

Quellen: IAB-Betriebspanel 1999 bis 2016; hochgerechnete Ergebnisse

New Work erfordert neues Arbeitszeitgesetz

Das Arbeitszeitgesetz basiert auf gesetzlichen Regelungen aus dem Jahr 1927. Diese passen nicht mehr in eine moderne Arbeitswelt. Ein Beispiel:

Die Ruhezeit beträgt heute elf ununterbrochene Stunden. Wer also seine Arbeit bewusst unterbricht, zum Grillabend mit der Familie geht und im Anschluss um 23 Uhr noch eine E-Mail eines Kunden in den USA beantwortet, darf am nächsten Tag erst ab 10 Uhr wieder in den Arbeitstag starten. Es bedarf einer Öffnung des Gesetzes, um Beschäftigte aus der rechtlichen Grauzone herausholen zu können. Die BDA setzt sich dafür ein, dass die Ruhezeit unabhängig von der Art der Tätigkeit durch Tarifvertrag auf bis zu neun Stunden reduziert werden kann. Ferner sollte es möglich sein, den Beschäftigten die Ruhezeit in zwei Blöcken zu gewähren, von denen einer eine zusammenhängende „störungsfreie“ Kernzeit von z. B. sieben Stunden umfasst.

Das Arbeitszeitgesetz sieht außerdem eine Höchstarbeitszeit von acht Stunden pro Tag vor. Statt dieser starren Vorgabe sollte die zulässige Arbeitszeit im Wochenverlauf variabler gestaltet werden können. Das wäre dann auch im Sinne der EU-Arbeitszeitrichtlinie, die statt einer täglichen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit vorsieht.

Zudem muss eine Arbeitszeiterfassung möglich bleiben, die auf Vertrauen statt unpraktikable Nachweispflichten setzt. Beschäftigte sollten auch zukünftig ihre Arbeitszeiterfassung selbst vornehmen können. Für die Arbeitgeber ist es praktisch unmöglich, die Arbeitszeit ihrer Beschäftigten zu erfassen, wenn diese z. B. von unterwegs arbeiten.

» Unternehmen wie Beschäftigte wünschen sich mehr Flexibilität. Die Digitalisierung bietet hier enormes Potential. Um das nutzen zu können, brauchen wir endlich einen modernen Rechtsrahmen, der sich nicht allein an einem Arbeitnehmerbild des letzten Jahrtausends orientiert. «

Angelique Renkhoff-Mücke
Vizepräsidentin Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Vorstandsvorsitzende WAREMA Renkhoff SE und Vorsitzende des BDA-Digitalrates

Foto: © BDA | Christian Kruppa

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